Veranstalter: Polymorphose - Verein für neue Lebensformen, autonome Selbstkulturen und ästhetische Lebenskünste e.V.
Zeitraum: Januar – Mai 2024,
Zeit: 09:30 - 11:30 Uhr
Frequenz: wöchentlich - immer mittwochs
Ort: Vereinsräume Rosenweg 3, OT Baek, 16928 Groß Pankow (Prignitz)
START: 10.01.2024
Anmeldung: Eine Teilnahme ist nur mit vorheriger unverbindlicher Anmeldung per Email oder Telefon möglich.
Lektüre- und Themenplan: Hier herunterladen
Im Januar 2024 setzt der Polymorphose e.V. seine seminarartige Veranstaltungsreihe zu Michel Foucaults Schriften und Denken fort. Foucault gehört unserer Meinung nach zu den einflussreichsten Denkern der Gegenwart: er ist Begründer einer neuen »Diskursordnung«; sein Werk prägt entscheidend alle Kultur- und Sozialwissenschaften. Von 1970 bis zu seinem Tod 1984 hatte er einen der höchsten französischen Lehrstühle am Collège de France in Paris inne; er benannte ihn selbst: »Die Geschichte der Denksysteme«.
Die seminarartige Veranstaltung führt auf Grundlage der Foucault’schen »Leuchtbombe« (WW, 7) - wie er sein Werk selbst nennt - in verschiedenen Perspektiven Foucaults sowie in die damit verbundenen Begriffe ein.
Folgende Themen des Werkes werden betrachtet:
(1) Der Sex als neues historisches Objekt. Untersucht werden nicht sexuelle Verhaltensweisen, sondern der Diskurs des Sexuellen, d.h. Sexualität als Thema und Problem wissenschaftlicher Erkenntnis.
Wie wird die sexuelle Natur des Menschen im 19. Jh. erfunden und in seinen Körper eingekörpert?
(2) Contra die Repressionshypothese. Wurde die Sexualität der Menschen im 19. Jh. wirklich befreit oder konnten sich diese durch Sexualität befreien? Wurde das Sprechen über den Sex nicht vielmehr feinsäuberlich nach Zeit und Ort geordnet,
um der Macht einen noch besseren Zugriff auf ihn zu verschaffen: »polymorpher Imperativ der Macht« (WW, 37f).
(3) Der Schwerpunkt machen die Betrachtungen des neuen machttheoretischen Paragidmas aus, das Foucault formuliert. Dieses wird besondern im Hinblick auf spätere Betrachtungen zum »Subjekt« analysiert: Macht ist etwas Produktives!
(4) Letztlich wird die sich stetig steigernde Einbettung der Sexualität in körperpolitische und disziplinartechnische Neuerungen der Machtapparate analysiert: (a) Pädagogisierung der Kindheit und Bekämpfung der Onanie;
(b) Erfindung der hysterischen Frau aufgrundlage ihrer Psyche und Physis;
(c) Pathologisierung und Kriminalisierung desperater - perverser - Sexualitäten.
(d) Wohlfahrsmedizinische Betreuung des gesunden Paares zum Zwecke der Steigerung der Bevölkerung.
Folgende Begriffe werden entweder wiederholt oder auf Grundlage des Seminartextes sowie korrelierender Foucaulttexte definiert und in Bezug auf spätere Arbeiten zum Subjekt benutzbar gemacht:
Wiederholungen: »Diskurs« (u.a. ODis), »Wissen« (u.a. AW), »Disziplinar- / Normalisierungsmacht« (ÜS);
Neuerarbeitungen: »Gestädnis«, »Macht-Wissen-Komplex«, »Dispositiv«, »Bio-Politik«, »Bio-Macht«.
Wie in allen Veranstaltungen werden sämtliche Aspekte und Dinge, die besprochen werden, stets auf einen Alltagsgebrauch und eine Benutzung zur Transformation der eigenen Subjektivät ausgerichtet.
Für die Zusammenfassung vgl. Petra Gehring, »Der Wille zum Wissen« in: Kammler / Parr / Schneider (Hgg.), Foucault Handbuch, 2. Aufl. (2020) 88ff.
Weitere Themenschwerpunkte sind dem Lektüre- und Themenplan zu entnehmen.
»Daher wird es darauf ankommen, zu wissen, in welchen Formen, durch welche Kanäle und entlang welcher Diskurse die Macht es schafft, bis in die winzigsten und individuellsten Verhaltensweisen vorzudringen, welche Wege es ihr erlauben in die seltenen und unscheinbaren Formen der Lust zu erreichen, und auf welche Weise sie die alltägliche Lust durchdringt und kontrolliert — und das alles mit Wirkungen, die als Verweigerung, Absperrung und Disqualifizierung auftreten können, aber auch als Anreizung und Intensivierung; kurz, man muß die ›polymorphen Techniken der Macht‹ erforschen. Und schließlich wird es nicht darauf ankommen zu bestimmen, ob die diskursiven Produktionen und die Machtwirkungen tatsächlich die Wahrheit des Sexes an den Tag bringen oder aber Lügen, die sie verdunkeln, sondern darauf, den ›Willen zum Wissen‹ freizulegen, der ihnen gleichzeitig als Grundlage und Instrument dient.« (Foucault, WW (2014) 19)
»Unter Macht verstehe ich hier nicht die Regierungsmacht, als Gesamtheit der Institutionen und Apparate, die die bürgerliche Ordnung in einem gegebenen Staat garantieren. Ebensowenig verstehe ich darunter eine Unterwerfungsart, die im Gegensatz zur Gewalt in Form der Regel auftritt. Und schließlich meine ich nicht ein allgemeines Herrschaftssystem, das von einem Element, von einer Gruppe gegen die andere aufrechterhalten wird und das n sukzessiven Zweiteilungen den gesamten Gesellschaftskörper durchdringt. Die Analyse, die sich aufder Ebene der Macht halten will, darf weder die Souveränität des Staates noch die Form des Gesetzes, noch die globale Einheit einer Herrschaft als ursprüng liche Gegebenheiten voraussetzen; dabei handelt es sich eher um Endformen. Unter Macht, scheint mir, ist zunächst zu verstehen: die Vielfältigkeit von Kraftverhältnissen, die ein Gebiet bevölkern und organisieren; das Spiel, das in unaufhörlichen Kämpfen und Auseinandersetzungen diese Kraftverhältnisse verwandelt, verstärkt, verkehrt; die Stützen, die diese Kraftverhältnisse anein ander finden, indem sie sich zu Systemen verketten — oder die Verschiebungen und Widersprüche, die sie gegeneinander isolieren; und schließlich die Strategien, in denen sie zur Wirkung gelangen und deren große Linien und institutionelle Kristallisierungen sich in den Staatsapparaten, in der Gesetzgebung und in den gesellschaftlichen Hegemonien verkörpern.« (Foucault, WW (2014) 93)
»[H]ier wie dort ist der Sex zu einer Sache des Sagens geworden, und zwar des erschöpfenden Sagens, gelenkt von diskursiven Dispositiven, die zwar verschieden, aber alle auf ihre Art zwingend sind. Ob subtiles Bekenntnis oder autoritäres Verhör, der Sex, raffiniert oder bäu risch, muß gesagt werden. Ein großer polymorpher Imperativ unterwirft gleichermaßen den anonymen Engländer wie den armen lothringischen Bauern, von dem die Geschichte wollte, daß er Jouy hieß.« (Foucault, WW (2014) 37f)
»Nun besitzt diese Macht weder die Form des Geset zes noch die Wirkungen des Verbots. Sie vollzieht sich statt dessen durch Vermehrung spezifischer Sexualitäten. Sie setzt der Sexualität keine Grenzen, sondern dehnt ihre verschiedenen Formen aus, indem sie sie auf unbegrenzten Durchdringungslinien verfolgt. Sie schließt sie nicht aus, sondern schließt sie als Spezifizierungsmerkmal der Individuen in den Körper ein. Sie sucht ihr nicht auszuweichen, sondern zieht mit Hilfe von Spiralen, in denen Macht und Lust sich verstärken, ihre Varietäten ans Licht; sie errichtet keine Blockade, sondern schafft Orte maximaler Sättigung. Sie produziert und fixiert die sexuelle Disparität. Die moderne Gesellschaft ist pervers, aber nicht trotz ihres Puritanismus oder als Folge ihrer Heuchelei; sie ist wirklich und direkt pervers.« (Foucault, WW (2014) 51)