Der Polymorphose e.V. ist ein junger prignitzer Verein, dessen Arbeit sich grob in zwei Praxisbereiche gliedern lässt:
Die Förderung von Künsten, Kulturen und Ethiken;
sowie die Beförderung der hierfür notwendigen Daseinsgrundlagen durch Schutz der Umwelt und biologisch-ökologischer Gärtnerei und Landwirtschaft.
Als Kunst- und Kulturverein befindet sich sein Wirkungsspektrum in einem gesellschaftlichen Nexus aus künstlerischen, sozialen und politischen Diskursen sowie ihren Derivaten und beruht auf einem wissenskritischen, machtanalytischen sowie einem konstruktivistischen subjekt-theoretischen Ansatz, wie er in den späten Schriften von Michel Foucault erscheint.
»Das Hauptziel besteht heute zweifellos nicht darin, herauszufinden, sondern abzulehnen, was wir sind. Wir müssen uns vorstellen und konstruieren, was wir sein könnten, wenn wir uns dem doppelten politischen Zwang entziehen wollen, der in der gleichzeitigen Individualisierung und Totalisierung der modernen Machtstrukturen liegt. Abschließend könnte man sagen, das gleichermaßen politische, ethische, soziale und philosophische Problem, das sich uns heute stellt, ist nicht der Versuch, das Individuum vom Staat und dessen Institutionen zu befreien, sondern uns selbst vom Staat und der damit verbundenen Form von Individualisierung zu befreien. Wir müssen nach neuen Formen von Subjektivität suchen und die Art von Individualität zurückweisen, die man uns seit Jahrhunderten aufzwingt.« (Foucault, DE IV (2005) 280)
Der Polymorphose e.V. befasst sich hauptsächlich mit der Erfindung und Förderung individueller, vielfältiger, polymorpher und nicht-institutionalisierter Lebensformen, die Raum für neue intensive Beziehungs- und Gefühlsmöglichkeiten schaffen: diese leiten sich nicht von einem Schema der Natur, göttlichem Gesetz oder einer organischen Notwendigkeit her.
Denn Ethik ist allein ein Problem der persönlichen Wahl. Der Grund dafür, dass ein Mensch diese Wahl zu treffen hat, ist der Wille, ein schönes Leben zu haben und den anderen die Erinnerung an eine schöne Existenz zu hinterlassen. (vgl. Foucault, DE IV (2005) 463)
Der Verein bietet in seinen Aktivitäten implizit und explizit Anleitungen zu einer dafür notwendigen autonomen Selbstkultur (»Entunterwerfung«, »Praxis der Freiheit«, »Identitätsgestaltung«) und führt in die verschiedenen Technologien der Selbstgestaltung (»Selbstsorge«, »technê tou biou«) ein: hierdurch gibt er Menschen die Möglichkeit, neue Ethiken zu wählen und neue Formen von Subjektivität zu erlangen.
»Technologien des Selbst ermöglichen es dem Einzelnen, aus eigener Kraft oder mit Hilfe anderer eine Reihe von Operationen an seinem Körper oder seiner Seele, seinem Denken, seinem Verhalten und seiner Existenzweise vorzunehmen, mit dem Ziel, sich so zu verändern, dass er einen gewissen Zustand des Glücks, der Reinheit, der Weisheit, der Vollkommenheit oder der Unsterblichkeit erlangt.« (Foucault, DE IV (2005) 968)
»[…] die ›Techniken des Selbst‹, wie man sie nennen könnte, also die in allen Kulturen anzutreffenden Verfahren zu Beherrschung oder Erkenntnis seiner selbst, mit denen der Einzelne seine Identität festlegen, aufrechterhalten oder im Blick auf bestimmte Ziele verändern kann oder soll. […] was man mit sich selbst tun, welche Arbeit man an sich verrichten und wie man ›Herrschaft über sich selbst‹ erlangen soll durch Aktivitäten, in denen man selbst zugleich Ziel, Handlungsfeld, Mittel und handelndes Subjekt ist.« (Foucault, DE IV (2005) 259)
Weiterhin fördert und widmet sich der Verein den ästhetischen Lebenskünsten (»Ästhetik der Existenz«): einer Kunst der Existenz bei der das Sein – das Denken, Empfinden, Handeln - selbst Stoff (›prima materia‹) eines Kunstwerkes wird. Weil das Leben sterblich ist, hat es ein persönliches Kunstwerk zu sein. Die besondere Stilisierung der Existenz zeigt sich dabei in einem revolutionären Verhältnis, das Menschen zu sich selbst und zu anderen einnehmen: in einer ›Kunst des Regierens‹ (»Meisterung des Selbst«). Das eigene Leben regieren, um ihm eine schöne und selbstbestimmte Gestalt zu geben: um andere vor den eigenen Begierden, Lüsten und Launen zu bewahren (»Begrenzung / Nicht-Notwendigkeit der Machtausübung«) oder um Leidenschaften und Gefühle zu intensivieren. Der Aspekt der Kunst steht somit auch im Zentrum der moralischen Erfahrung: er steht entgegen eines bloßen Gehorsams gegenüber einem System von Regeln – was den modernen-bürgerlichen ›ethos‹ ausmacht - und ermöglicht eine starke Struktur des Lebens ohne Bezug auf ein Rechtswesen oder Autoritätssystem.
»Aus dem Gedanken, dass uns das Selbst nicht gegeben ist, kann meines Erachtens nur eine praktische Konsequenz gezogen werden: wir müssen uns wie ein Kunstwerk begründen, herstellen und anordnen.« (Foucault, Sex als Moral in: Von der Freundschaft, Merve, 1984, 81)
»[…] wenn man nach der Identität einer Sache fragt. Dann ist die Sache ›verpfuscht‹, weil man sich auf Klassifikationen einlässt. Es geht darum, etwas hervorzubringen, das zwischen den Ideen geschieht und das man nicht benennen kann. Man muss vielmehr ständig versuchen, ihm eine Farbe, eine Form, eine Intensität zu geben, die niemals sagt, was sie ist. Das ist Lebenskunst. Lebenskunst heißt, die Psychologie zu töten und aus sich heraus wie auch zusammen mit anderen Individualitäten, Wesen, Beziehungen, Qualitäten hervorzubringen, die keinen Namen haben. […] Das Dasein kann ein vollkommenes und sublimes Werk sein.« (Foucault, DE IV (2005) 308f)
Und schließlich setzt sich der Verein in diesem Praxisbereich für die Etablierung herrschaftstransparenter öffentlicher und persönlicher Lebensstrukturen ein. Diese sollen Menschen unterschiedlichen Alters, Bildungsniveaus und sozialer Tätigkeitsbereiche die Möglichkeit zu einer egalitären, friedlichen, liebe- und lustvollen sowie gemeinschaftlichen Existenz geben; u.a. berät er hierzu Gruppen unter dem foucault’schen Konzept der »Anarchäologie« (technologische Analyse von Machtmechanismen in theoretisch-praktische Haltung der Nicht-Notwendigkeit jeglicher Macht) und assistiert ihnen bei der Entwicklung neuer Ökonomien von Machtbeziehungen.
»Und schließlich geht es in allen gegenwärtigen Kämpfen um die Frage: Wer sind wir? Sie wenden sich gegen jene Abstraktionen und jene Gewalt, die der ökonomische und ideologische Staat ausübt, ohne zu wissen, wer wir als Individuum sind, wie auch gegen die wissenschaftliche oder administrative Inquisition, die unsere Identität festlegt.« (Foucault, DE IV (2005) 275)
Als Verein, der unter dem Gesichtspunkt des Umweltschutzes gärtnerisch und landwirtschaftlich tätig ist, befindet sich sein Arbeitsschwerpunkt auf der modellhaften Gärtnerei auf dem Vereinsgelände.