Wer wir aktuell sind

Die Vereinsarbeit wird ehrenamtlich und ohne wirtschaftliche Interessen von einer bunten Gruppe von Personen organisiert. Wir sind Menschen unterschiedlichen Alters und Bildungsgrades: wir haben theologische, sprachwissenschaftliche, historische, pädagogische, therapeutische und andere bürgerliche Subjektivierungsmaschinen durchlaufen.
Wir verstehen uns als autonome Künstlerinnen und Künstler, die Werkzeuge herstellen und verschenken, Rezepte ausstellen, Richtungen anzeigen sowie Karten und Pläne zeichnen.

Wir haben uns vorgenommen — dieser Ausdruck ist gewiss allzu pathetisch—, den Menschen zu zeigen, dass sie weit freier sind, als sie meinen; dass sie Dinge als wahr und evident akzeptieren, die zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte hervorgebracht worden sind, und dass sie diese so genannte Evidenz kritisieren und zerstören können. In unseren Augen gibt es keine universelle Notwendigkeit im menschlichen Dasein: wir möchten assistieren zu entdecken, wie willkürlich Institutionen sind, welche Freiheit wir haben und wie viel Wandel möglich ist. (vgl. Foucault, DE IV (2005) 960)

Ziel unseres Arbeitens ist es, Menschen die Möglichkeit zu geben:
sich selbst zu bestimmen und eine Wahl ihrer Existenz durchzuführen - nicht mehr das zu sein, zu tun oder zu denken, was sie sind, tun oder denken; aus der Kontingenz der historischen Ereignisse zu entkommen, die sie zu dem gemacht haben, was sie sind und die endlose Arbeit der Freiheit so weit und so umfassend wie möglich wieder in Gang zu bringen; den Willen auszubilden sich von Vertrautem zu lösen und dieselben Dinge ganz anders zu sehen. In Achtung vor der Freiheit der Menschen sagen wir ihnen nicht: was sie sein sollen, was sie tun sollen, was sie glauben oder denken sollen. Mit welchem Recht sollte dies überhaupt jemand tun? Ebenso steht unsere Arbeit nicht im Horizont einer Diskreditierung anderen Denkens als reiner Spekulation.

Um unsere Ziele zu erreichen, fragen wir weniger nach dem Warum der Dinge als nach ihrem Wie. Wir arbeiten auf historisch-analytische Weise an einem Aufzeigen des Funktionierens von sozialen Mechanismen - ihrer Zwänge und Wirkungen hinzu der Erzeugung eines gewissen Verhaltens; an einer beständigen Reproblematisierung gesellschaftlicher Selbstverständlichkeiten und ihrer ideologischen Postulate; an einer Erschütterung ihrer Gewohnheiten, ihrer Handlungs- und Denkweisen und an einer Zerstreuung ihrer überkommenen Vertrautheiten. Unsere Arbeiten sind mannigfaltig und kurzschrittig; sie stehen entgegen jeder Form auf Einheit fixierter und totalisierender Paranoia. Sie verzichten auf die alten Kategorien des Negativen - Gesetz, Kastration, Mangel, Lücke - die so lange als Form und Modus der Macht galten. Wir ziehen das vor, was positiv und vielfältig ist: die Differenz der Einförmigkeit, die Flüsse den Einheiten, die beweglichen Verknüpfungen dem System.

Das in unseren Diskursen produzierte Wissen, hat nicht nur die Macht, die Existenzen anderer zu verändern, sondern soll besonders uns selbst verwandeln: Denn ein essentieller Punkt in unserem Leben und in unserer Arbeit ist es, etwas zu werden, das wir am Anfang nicht waren. So versuchen wir unsere laufenden Arbeiten immer wieder neu zu durchdenken und uns mit zähem Eifer in Sorge um die Wahrheit selbst zu verändern: weder in Formen plötzlicher Veränderungen, noch Augen öffnender Erleuchtung oder in einer Durchlässigkeit für alle gerade irgendwo auftauchenden Bewegungen, sondern in Form einer strebsamen, langsamen und schwierigen Transformation.

Damit wählen wir für uns einen ›ethos‹ der permanenten Kritik unseres Seins: einer Analyse unserer selbst als geschichtliche Wesen (»historische Ontologie unserer selbst«). Unsere Untersuchungen sind dabei stets auf die aktuellen Grenzen des Notwendigen hin ausgerichtet – auf die Dinge, die für unsere permanente Erschaffung unserer selbst als autonome Subjekte nicht oder nicht mehr unerlässlich sind. Unsere Kritik analysiert diese Grenze und soll stets zu ihrer möglichen Überschreitung führen: es ist eine endlose Arbeit der Freiheit von uns selbst an uns selbst.

Wir ziehen es demnach mittlerweile vor, uns selbst zu subjektivieren als uns durch die Zwangspraxen von Instanzen bürgerlicher Ordnung subjektivieren zu lassen. Wir verbessern, bearbeiten, transformieren uns selbst, um zu bestimmten Seinsweisen Zugang zu bekommen: Meisterung unseres Selbst zur Erlangung individueller Freiheiten.
Diese Praxen der Freiheit – also der Bezug von uns selbst auf unser Selbst – verstehen wir als einen möglichen Widerstandspunkt gegen die aktuelle politische Macht, deren Herrschaft auf der Fabrikation (»Diziplinar- und Normalisierungsmacht«) sowie auf der Kontrolle und Führung (»Gouvernementalität«, »Pastoralmacht«, »Lenkung durch Individualisierung«, »Regierung der Menschen durch die Manifestation der Wahrheit in Form der Subjektivität«) der erschaffenen Individuen beruht.
Unsere Revolution findet also auf persönlicher Ebene statt: in einer Existenzweise mit ihrer Ästhetik und Asketik - in den besonderen Formen der Beziehung zu uns selbst und zu anderen.

»Allein, wenn die Macht so das Leben zum Objekt oder Ziel nimmt, so beruft sich der Widerstand gegen die Macht bereits auf das Leben und kehrt es gegen die Macht. Das Leben als politisches Objekt wurde gewissermaßen beim Wort genommen und gegen das System gekehrt, das daranging, es zu kontrollieren. Im Gegensatz zu dem, was der vorgefertigte Diskurs sagt, braucht man sich keineswegs auf den Menschen zu berufen, um Widerstand zu leisten. Was dieser Widerstand aus dem alten Menschen zieht, das sind, wie Nietzsche sagte, die Kräfte eines reicheren, aktiveren, bejahenderen, möglichkeitsreicheren Lebens. Der Übermensch hat nie etwas anderes bedeuten sollen als: im Menschen selbst gilt es das Leben zu befreien, da der Mensch selbst eine Weise darstellt, es einzusperren. Das Leben wird zum Widerstand gegen die Macht, wenn die Macht das Leben zu ihrem Objekt macht.« (Deleuze, Foucault, 8. Aufl. 2015, 129)